Bad Liebwerda 1839

 Unter den zahllosen Heilquellen, mit welchen unser schönes Vaterland gesegnet ist, steht Liebwerda hoch in der Reihe derer des zweiten Ranges. Zwar erfreut es sich nicht der Berühmtheit von Teplitz, Karlsbad, Marienbad, aber man sagt nicht zuviel, wenn man behauptet, daß sein Sauerbrunn kein verwerflicher Ersatz für Selters oder Ems ist, und daß sein Stahlbrunn sich neben jenen von Spaa stellen kann. 

Liebwerda hat den Vorzug der schönen Lage in einer der reizendsten Gegenden des Isergebirges unweit der Gränzen von Preußen und Sachsen, von welchen Ländern aus es auch zumeist besucht ist. Es läßt sich nicht läugnen, daß der Besuch in neuester Zeit etwas abgenommen hat. Zwar weiset die Kurliste der vorigen Saison 186 Parteien nach, und in der jetzigen, welche mit dem 22. Mai begann, zählt sie bereits 128 Parteien; aber die meisten derselben halten sich nur sehr kurze Zeit hier auf, und so ist freilich im Verhältnisse zu jener Zeit, wo man oft in dem '/, Stunde entlegenen Haindorf Unterkunft suchen mußte, die Frequenz sehr gefallen

In neuester Zeit sieht man manche Neubauten, unter welchen sich das »Ordenskreuz«, und das Wohnhaus Neumanns durch schöne Lage und Geräumigkeit sehr auszeichnen.

Ein schöner Zug in unserem Brunnenleben ist die wechselseitige Annäherung der Stände, eine gemeinschaftliche vertrauliche Teilnahme an allen Vergnügungen, die man in größeren Badeorten leider oft vermißt. Man sieht sich hier im kleinen Orte bald Morgens und Nachmittags am Brunnen, bald an der gemeinsamen Tafel, bald in den schönen Anlagen, welche die Munisicenz ihres gräflichen Besitzers dem Publikum geöffnet hat. Manche schöne Partie findet sich näher oder ferner: eine mäßige Anhöhe nordwestlich von hier mit der herrlichsten Aussicht bis Zittau und Görlitz; das nahe Karolinenthal; das romantische Weißbach; der Wasserfall; das Kloster Haindorf, dessen großartige Kirche mit dem breiten waldigen Gebirgsrücken im Hintergrunde einen gar imposanten Anblick gewährt.

Wenn Liebwerda an Wochentagen ein Bild heiterer behaglicher Ruhe ist, so wird es an Sonn- und Festtagen ein Schauplatz bunten rührigen Lebens. Von allen Seiten strömen Pilger in ihren verschiedenen Trachten nach Heindorf, und laben sich unterwegs hier am Sauerdrunn. Die elegante Welt aus den benachbarten Städten, besonders aus Reichenberg und Friedland, auch mancher Nachbar aus Preußen und Sachsen findet sich ein, um an unseren Reunionen im reich dekorirten Saale des »Heimes« theilzunehmen. Alltäglich spielt Morgens und Nachmittags während der Trinkstunden in der Säulenhalle des Brunnenplatzes ein Quartett von Prager Musikern; vor allem gefallen Labitzky's Potpourris über böhmische und polnische Volkslieder, deren bald schwermüthige, bald schalkhafte Weisen den Auslän- dern ausnehmend zusagen.

Ein bisheriger Uebelstand von Liebwerda, der Mangel einens eigenen Brunnenarztes, soll dem Ver- nehmen nach ehestens abgestellt werden. Bis jetzt kam bloß jeden zweiten Tag ein Arzt von dem Meile entlegenen Friedland heraus, was manchen augenblicklicher Hilfe Bedürftigen vom Besuche unseres Brunnens zurückhielt. Auch ist zu hoffen, daß durch eine Klassenabtheilung der Bäder, welche bisher durch ihre hohen, ohne Unterschied festgesetzten Preise nur dem Bemittelten zugängig waren, auch die ärmere Klasse der heilsamen Gaben unserer Najade theilhaftig wird.

                                                                                                                                                                         11. August 1839

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