Berichterstattung bei Heydrich

Dr. Raim erzählt kleine Geschichten am Rande der großen Geschichte, welche unter-schiedliche Personen aus seinem Heimatort Friedland zum Mittelpunkt haben.

Heute geht es um ein Beispiel erzwungener Kollaboration an der deutschen Karls-Universität während der Zeit des Protektorats.

Der Geburtsort von Dr. Maria Kaulfersch war Dittersbach (heute Dětřichov), ein wenige Kilometer von Friedland entferntes Dorf mit heute etwa 600 Einwohnern, in der Vorkriegszeit mehr als doppelt so viel. Bei der letzten Gemeindewahl 1938 erhielt die Henleinpartei 74%, die deutschen Sozialdemokraten 5%, die Kommunisten 19% und auf die tschechische Liste entfielen 2%. Nach dem Münchner Abkommen brachten die Nazis drei Kommunisten und einen Sozialdemokraten ins KZ. Ein nach Dittersbach versetzter Lehrer beobachtete seine Schüler mit dem Feldstecher von der Schule aus, ob sie die Dorfbewohner mit erhobener Hand grüßten. Der Dorfpfarrer Augustin Lang wurde am 30.05.1941 von lokalen Nazifanatikern aus politischen Gründen ermordet. Es gab auch andere Dittersbacher: Mein gleichaltriger Schulkamerad Walter Trautmann, Sohn eines wegen Heimtücke bis Kriegsende inhaftierten Sozialdemokraten, desertierte von der deutschen Wehrmacht und wurde von einem Bauern in Dittersbach die letzten Kriegsmonate versteckt.

Dr. Maria Kaulfersch hatte im Haus ihrer Schwester, Rektorin der Mädchenschule in Friedland, eine Wohnung unterhalb des Bezirksgerichts. Nachbar war bis 1938 Rechts-anwalt Dr. Berman, der gemeinsam mit Dr. med. Franz Glaser nach der "Reichs-kristallnacht" am 15.11.1938 in die "Resttschechoslowakei" abgeschoben wurde. Die ersten Heimatvertriebenen Friedlands! Der nach Friedland gekommene preußische Landrat arisierte und privatisierte die Berman-Villa für sich persönlich; bei Kriegsende war es "feindliches Eigentum". Keinem wurde das Eigentum restituiert.

Beruflich war die Historikerin Dr. Kaulfersch an der deutschen Karls-Universität in Prag beschäftigt, die 1939 von jüdischen und antinazistischen Professoren gesäubert war. Die wegen ihrer falschen Abstammung oder Gesinnung eliminierten Professoren wurden durch den Machthabern genehme ersetzt. Die Professoren hatten einen Gesprächs-kreis, eine Art Verein, die "Prager Akademie", in der Frau Kaulfersch die Rolle der Sekretärin zufiel. Das 3/4-Jahr, in dem Heydrich als stellvertretender Reichsprotektor bis zu seinem Tod im Juni 1942 in Prag residierte, wurde für sie die gefährlichste Zeit ihres Lebens. Heydrich war der größte Feind Henleins, ihm waren auch die sudetendeutschen Nazis höchst verdächtig als Partikularisten, Neoromantiker und in Rassenfragen zu wenig radikal. Heydrich verlangte von Frau Dr. Kaulfersch regelmäßige persönliche Berichte über das, was in der Prager Akademie so alles gesprochen wurde, also Spitzeldienste. Aber Heydrich hatte dort mehrere Zuträger, was das Risiko der erzwungenen Kollabo-ration für Frau Dr. Kaulfersch erhöhte: Was wusste er bereits? Das musste sie ihm also auch berichten. Was durfte sie nicht preisgeben, ohne anderen zu schaden? Eine Gratwanderung! Das Attentat auf Heydrich hat sie aus einer sehr schwierigen Lage befreit.

Nach dem Krieg musste sie in tschechoslowakischer Haft mit den anderen deutschen Häftlingen der Hinrichtung von K. H. Frank in Prag-Pankrác zusehen. Anfang der 70er Jahre starb sie achtzigjährig in Karlsruhe.

Nach Sachlage muss Frau Dr. Kaulfersch Mitglied der NSDAP gewesen sein, denn im Protektorat galt die Devise: Jeder Deutsche ein Nationalsozialist! Es konnte sich kaum einer entziehen. Anders im Sudetengau: Bis Kriegsbeginn war nur etwa jedes 5. Mitglied der Henleinpartei in die Nazipartei des "Großdeutschen Reichs" aufgenommen, dann aber war man nicht mehr wählerisch. Bei der sorgfältigen Auslese der "alten Kämpfer" im Sudetengau hätte auch Frau Kaulfersch keine großen Chancen für eine Partei-mitgliedschaft vor Kriegsbeginn gehabt.    

Dr. Ernst Raim

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