Der SS-Mann Josef Blösche aus Friedland

Ein Foto von ungeheurer Symbolkraft: April/Mai 1943 im Warschauer Ghetto. Ein kleiner polnischer Junge, dem die Angst ins Gesicht geschrieben steht, wird mit erhobenen Händen abgeführt. Im Hintergrund hält Bewacher Josef Blösche das Maschinengewehr.
Ein Foto von ungeheurer Symbolkraft: April/Mai 1943 im Warschauer Ghetto. Ein kleiner polnischer Junge, dem die Angst ins Gesicht geschrieben steht, wird mit erhobenen Händen abgeführt. Im Hintergrund hält Bewacher Josef Blösche das Maschinengewehr.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wer war eigentlich Josef Blösche?

Wenn man dies schnell und bequem beantworten möchte, könnte man sagen:

Ein Friedländer!  In der Wikipedia Enzyklopädie wird er mit folgenden Worten beschrieben:

 

Josef Blösche  (* 5. Februar 1912 in Friedland in Böhmen; † 29. Juli 1969  in Leipzig, hingerichtet) war als SS-Rottenführer unter anderem an der Liquidierung des Warchauer Ghettos und an der Bekämpfung des Warschauer Aufstandes beteiligt und wurde durch ein Foto, das ihn mit einem sich ergebenden Jungen zeigt, als Synonym für die Grausamkeit der SS weltbekannt.

Josef Blösche
Josef Blösche

Herkunft

Blösches Eltern waren Bauern und besaßen einen kleinen Ziegeleibetrieb sowie ein Gasthaus mit Biergarten. Nach dem Ersten Weltkrieg gehörte die Familie zur  sudetendeutschen Minderheit in der Tschechoslowakei. Ab 1926 absolvierte Blösche eine Ausbildung zum Kellner in Reichenberg. 1935 trat er in die Sudetendeutsche Partei ein, bei der er als Ordner, Saalschutz und Austräger fungierte und für seine Bemühungen 1938 die „Sudetendeutsche Medaille“ erhielt. Blösche wirkte auch biem „Freiwilligen deutschen Schutz-dienst“ der Sudetendeutschen Partei mit und machte sich einen Namen als Schläger, 1936 musste er wegen einer Schlägerei 48 Stunden in Arrest.

 

Grenzpolizeischule der SS und Einsatzkommandos

1938 nach der Besetzung der Tschechoslowakei wurden die Mitglieder der Sudetendeutschen Partei in die NSDAP übernommen. Blösche wurde auch in den Sicherheitsdienst (SD) der SS übernommen und dort ideologisch geschult. Ab Dezember 1939 besuchte er die Grenzpolizeischule der SS und der Gestapo in Pretzsch. Hier wurden die im späteren Ostfeldzug hinter der Wehrmacht nachrückenden Einsatztruppen ausgebildet.

Im März 1940 wurde Blösche nach Warschau versetzt und dort zunächst jedoch lediglich mit Möbel-transporten zu einer Außenstelle des Hauptamtes beschäftigt. Im Sommer 1940 wurde er nach Platerow, 120 km östlich von Warschau in der Nähe der sowjetischen Grenze, verlegt. Sein Dienst dort bestand überwiegend aus Streifengängen zwischen Platerow und dem Grenzfluss Bug. Die Versetzung zum Grenz-polizeikommissariat Siedlce erfolgte im Mai 1941. Nach dem Überfall auf die Sowjetunion im Juli 1941 wurde er nach Warschau zurückgerufen, da die bisherige Grenze nicht mehr existierte.

Ab August 1941 war Blösche Angehöriger eines Einsatzkommandos, das hinter der Front Erschießungen in kleineren Orten des besetzten Teils der Sowjetunion durchführte. Im Oktober 1941 kehrte er nach Warschau zurück, wo er dem Kommandeur der Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdienstes für den Distrikt Warschau, Ludwig Hahn, unterstellt und Mitarbeiter der Abteilung IV der Gestapo wurde. Blösches Aufgabe war es, verdächtige Personen im Stadtgebiet festzunehmen und deren Transport vom Gefängnis zur Vernehmung durch die Gestapo zu regeln. Er wurde aber auch mit Dolmetscheraufgaben und Botengängen betraut.

Im Sommer 1942 wurde Blösche in die Außenstelle des SD im Warschauer Ghetto versetzt. Dort begannen zu jener Zeit die ersten Deportationen nach Treblinka. In der Außenstelle wurden Deportations-maßnahmen überwacht und die Deportiertenzahlen erfasst. Zwischen dem 22. Juli und dem 30. September 1942 wurden mindestens 225.000 Menschen abtransportiert. Blösche und andere SD-Männer führten darüber hinaus wahllos Erschießungen durch und waren alsbald als Todesschützen gefürchtet. Zu ihren Aufgaben zählte auch das Durchsuchen bereits geräumter Gebäude nach versteckten oder zurückge-lassenen Personen und deren Liquidierung. Blösche entwickelte sich hierbei zu einem Fachmann im Aufspüren von Verstecken, Hohlräumen und Geheimgängen.

Blösche (rechts) im Gefolge von Jürgen Stroop, dem „Führer der Großaktion“ (2. v. l. mit Feldmütze) gegen den Aufstand im Warschauer Ghetto
Blösche (rechts) im Gefolge von Jürgen Stroop, dem „Führer der Großaktion“ (2. v. l. mit Feldmütze) gegen den Aufstand im Warschauer Ghetto


 Im Sommer 1942 wurde Blösche in die Außenstelle des SD im Warschauer Ghetto versetzt. Dort begannen zu jener Zeit die ersten green Deportationen nach Treblinka. In der Außenstelle wurden Deporta-tionsmaßnahmen überwacht und die Deportiertenzahlen erfasst. Zwischen dem 22. Juli und dem 30. September 1942 wurden mindestens 225.000 Menschen abtransportiert. Blösche und andere SD-Männer führten darüber hinaus wahllos Erschießungen durch und waren alsbald als Todesschützen gefürchtet. Zu ihren Aufgaben zählte auch das Durchsuchen bereits geräumter Gebäude nach versteckten oder zurückgelassenen Personen und deren Liquidierung. Blösche entwickelte sich hierbei zu einem Fachmann im Aufspüren von Verstecken, Hohlräumen und Geheimgängen.

Im Warschauer Ghetto bekam Blösche von den Juden die Spitznamen „Frankenstein“  und „Fleischer“. Dies ist auf seinen sadistischen Drang zurückzuführen – Blösche war oft an Vergewaltigungen jüdischer Frauen beteiligt und dafür berüchtigt, dass er die Opfer nach der Vergewaltigung erschoss.

 

Auch bei der zweiten Deportationswelle im Januar 1943 war Blösche beteiligt. Er räumte mit aller Brutalität ganze Straßenzüge, durchkämmte die verlassenen Gebäude und führte willkürliche Hinrichtungen durch. Wegen  des Aufstands im Warschauer Ghetto  wurden die Deportationen jedoch nach wenigen Tagen vorübergehend eingestellt. Als im April 1943 auf Befehl Jürgen Stroops  der Widerstand gebrochen und das Ghetto aufgelöst werden sollte, griffen die frisch eingetroffenen SS- und Schutzpolizei-Einheiten auf die erfahrenen SD-Männer um Blösche zurück, die in den bereits geräumten Gebäuden noch versteckte Menschen aufspürten und zumeist sofort erschossen. Blösche nahm auch an Massenhinrichtungen teil. Von den etwa 600 Opfern des Massakers im Ghetto vom 19. April 1943 soll er laut eigenen Angaben 75 selbst erschossen haben. Weitere Massenhinrichtungen in den folgenden Tagen schlossen sich an.

„Jüdische Rabbiner“ werden verhört. Blösche (vorne rechts) mit geschultertem Gewehr
„Jüdische Rabbiner“ werden verhört. Blösche (vorne rechts) mit geschultertem Gewehr

Im Mai 1943 wurde ein Bildbericht, der sogenannte  Stroop-Bericht, über die Fortschritte der Liquidierung des Ghettos für Heinrich Himmler erstellt. Zum bekanntesten Foto des Berichts sollte ein Foto werden, das sich ergebende Frauen und Kinder zeigt, die von Blösche, in SS-Uniform und mit einer Maschinenpistole im Anschlag, zum Umschlagplatz des Ghettos getrieben wurden. Das Foto wurde später Beweismittel in den Nürnberger Prozessen  und avancierte zum Synonym für die Grausamkeit der SS.

Ende Mai 1943 war das Ghetto vollständig liquidiert und Blösche wurde zurück zur Hauptdienststelle beordert, wo er abermals Botengänge verrichtete und Personenschutz für Gestapo-Offiziere leistete. Im September 1943 wurde er vor der Warschauer Hauptpost von einem Polen angeschossen, worauf sich Heimaturlaub in Friedland anschloss. Bei seiner Rückkehr nach Warschau wurde Blösche in die Registratur  der Gestapo versetzt, wo er gemeinsam mit Susanne Held arbeitete, mit der er bereits einige Zeit verlobt war. Sie hatten in der Registratur Personenakten der vom Warschauer Pawiak-Gefängnis nach Auschwitz  oder Treblinka  deportierten Gefangenen zu verwalten. An den Wochenenden beteiligte sich Blösche jedoch auch weiterhin an Verhaftungsaufgaben der Gestapo im Stadtgebiet.

 

Beim Ausbruch des Warschauer Aufstands am 1. August 1944 wurde Blösche mit anderen Mitarbeitern in der Registratur angegriffen und eingeschlossen. Die Wehrmacht  konnte nach tagelangen Kämpfen die Einge-schlossenen befreien. Blösche wurde an den westlichen Stadtrand von Warschau versetzt, wo keine Kampfhandlungen stattfanden und wo er mit Streifengängen beauftragt wurde. Im September 1944 wurde er nach Skierniewice versetzt und von dort aus zur Bekämpfung des Slowakischen Nationalaufstands  abkommandiert, der jedoch bei der Ankunft der Einsatzgruppe bereits niedergeschlagen worden war. Er bezog Winterquartier in Levoča. Von dort aus fand Partisanenbekämpfung  in den umliegenden Wäldern und Bergen statt. Im April 1945 wurde er nach Žilina nahe der polnischen Grenze verlegt. Von dort aus floh Blösche vor der herannahenden Roten Armee, zunächst in Uniform, später in Zivilkleidung, wurde aber Anfang Mai 1945 bei Mährisch-Ostrau gefangengenommen

 

Nachkriegszeit

Als Kriegsgefangener führte Blösches Weg zunächst zu Fuß nach Wien, im Juni 1945 mit der Eisenbahn ins sowjetische Durchgangslager Máramarossziget, dann weiter nach Moskau, von dort aus nach Dnepropetrowsk und zuletzt nach Kirowabad  in Aserbaidschan, wo die Gefangenen im Straßen- und Bergbau eingesetzt wurden. Im Frühjahr 1946 wurde Blösche nach Pilsen verbracht, wo er zu Aufräumarbeiten in den ŠKODA-Werken herangezogen wurde. Ab Juli 1946 war er Fördermann in einem Steinkohlenbergwerk in Vítkovice.

Am 6. August 1946 wurde sein Gesicht bei einem schweren Arbeitsunfall bis zur Unkenntlichkeit entstellt, als ein Förderkorb ihn am Kopf erfasste. Nase, Mund und Kinn wurden dabei völlig entstellt. Bis Juni 1947 blieb er arbeitsunfähig und wurde anschließend formlos aus der Kriegsgefangenschaft entlassen. Er blieb noch einige Wochen als Zivilbeschäftigter in der Grube des inzwischen aufgelösten Kriegsgefangenenlagers beschäftigt, machte sich jedoch im Herbst 1947 auf den Weg nach Urbach in Thüringen, von wo ihn Kunde von seiner Familie erreicht hatte.

Ab 20. Januar 1948 war Blösche im VEB Kaliwerk Volkenroda in der Aufbereitung beschäftigt und wurde dort schnell Vorarbeiter. 1957 absolvierte er im Kaliwerk „Karl Liebknecht“ in Bleicherode einen Meisterlehrgang im Bergmaschinenwesen. Aufgrund von Manipulationen einer Wiegeeinrichtung verlor Blösche im Frühjahr 1961 seinen Arbeitsplatz und wurde für ein halbes Jahr zum Hilfsschlosser degradiert. Ab Herbst 1961 erhielt er wieder eine verantwortungsvollere Aufgabe in der Grube, jedoch nicht mehr den Meistertitel. Seine Frau Hanna, die er 1947 kennengelernt und mit der er zwei Kinder hatte, betrieb von 1961 bis 1965 die örtliche Konsum-Gaststätte in Urbach. Blösche half neben seiner Arbeit in der Gaststätte aus und war auch noch als Erntehelfer beschäftigt.

                    Josef Blösche
Josef Blösche

Die Eltern und zwei Schwestern Josef Blösches wohnten ebenfalls in und um Urbach, die Gast- stätte war der zentrale Treffpunkt der Einwohner. Blösche war vollständig sozial integriert, von seinem Vorleben wussten die wenigsten. Bei der Hamburger Staatsanwaltschaft  und beim Ministerium für Staatssicherheit der DDR hatten jedoch Mitte der 1960er Jahre bereits Ermitt-lungen gegen Blösche begonnen.

Vorausgegangen war 1960 eine Anzeige bei der Staatsanwaltschaft Hamburg gegen Ludwig Hahn. Während der nachfolgenden Ermittlungen wurde Blösche 1961 von seinem früheren SS-Kameraden Heinrich Klaustermeyer schwer belastet und im Februar 1962 beim Landgericht Hamburg  eindeutig identifiziert. Im Mai 1965 stellte das Amtsgericht Hamburg Haftbefehl gegen Blösche. Im April 1966 wurde der Vorgang der Generalstaatsanwaltschaft der DDR übergeben, die das Rechtshilfeersuchen aus Hamburg an die für die Aufklärung von Kriegsverbrechen zuständige Hauptabteilung IX der Staatssicherheit weitergab.

 

Verhaftung und Prozess

Am 11. Januar 1967 wurde Blösche verhaftet und in der zentralen Untersuchungshaftanstalt des MfS in Berlin-Hohenschönhausen inhaftiert. Während der zweijährigen Untersuchungshaft gestand Blösche zahlreiche Kriegsverbrechen, von einzelnen Erschießungen über Massenhinrichtungen bis hin zur Beteiligung an allen großen Deportationsaktionen aus dem Warschauer Ghetto. Er bezeugte auch seine Identität auf dem bereits erwähnten Foto vom Mai 1943. Ab März 1969 verhandelte das Bezirksgericht Erfurt gegen ihn und verurteilte ihn wegen der Beteiligung an der Deportation von mindestens 300.000 Menschen zum Tode.

Das Urteil wurde im Leipziger Gefängnis in der Alfred-Kästner-Straße per Genickschuss vollstreckt.

Ab dem Jahr 2000 recherchierte der WDR die Geschichte des Soldaten auf dem bekannten Foto und produzierte eine umfassende Reportage im Jahr 2003.

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