04.03.2014 - Von Lusdorf bis zum Westerwald!

Vertrieben aus der Heimat...

 

Die ehrenamtliche Betreuung eines Senioren, Herr Ferdinand Schäfer, brachte mich 2013 ihm und seinem Leben ein großes Stück näher. Er ist geistig noch sehr rege und bestens informiert über aktuelle Themen. Eine Hüftoperation behinderte ihn aber so sehr, dass er die Hilfe ab 2007 eines Seniorenheimes in Anspruch nehmen musste. Hier ist seine Geschichte!

 

Erst zögerlich und stockend, später aber flossen die Erinnerungen über seine Lippen:

Geboren wurde ich 1929 in einem kleinen Ort namens Lusdorf an der Tafelfichte bei Neustadt im Sudetenland, nahe Reichenberg, dem heutigen Liberec in der Tschechei! Unser Dorf war, wie viele andere im Sudetenland, fast ausschließlich von Deutschstämmigen bewohnt, größtenteils von Katholiken. Mit sechs Jahren wurde ich Messdiener und blieb dies etwa 7 Jahre lang. Eine besondere Erinnerung daran sind die Prozessionsumzüge durch das Dorf zu Fronleichnam und zum Erntedankfest. Begonnen wurde an der Kirche mit Begleitung einiger Musiker und der kath. Kirchengemeinde unter Führung des Dechanten der örtlichen Pfarrei. Die zu besuchenden Häuser hatten ihre Eingänge geschmückt oder einen kleinen Hausaltar draußen zur Segnung aufgestellt. Überall gab es Brot mit Salz sowie für die Erwachsenen zusätzlich Schnaps als Wegzehrung, wodurch der Umzug auch immer lustiger wurde. Begleitet wurde der Umzug auch von den Ortspolizisten, die noch stark der öster.-ungar. k. u. k. Monarchie zugetan waren und dementsprechend noch mit Pickel-hauben rumliefen und die am Ende des Umzuges schief auf den Köpfen saßen“.

 

Manchmal musste ich Herrn Ferdinand Schäfer Unterbrechen in seinen Erzählungen, wenn er sich in einen Mitteilungsdrang steigerte und dabei von Emotionen mit Tränen in den Augen übermannt wurde. Ich lenkte ihn wieder auf seine Kindheit:

Unser Elternhaus war zwar klein“, fuhr er fort, „aber kein Fachwerk- sondern ein festes Steinhaus. Wir hatten einen Brunnen im Haus, der auch im Winter funktionierte und immer sauberes Wasser spendete. Landwirtschaft hatten wir keine, besaßen jedoch ein paar Ziegen, Hühner und Kaninchen, dazu aber am Haus eine große Obstwiese mit Garten. Mein Vater war im Sommer Waldarbeiter und im Winter im nahen Sägewerk tätig. Meine Mutter war oft zur Aushilfe beim dicksten Bauern im Ort, dem sog. Plischbauer Anton Ullrich. Unsere Familie unterstützte ich schon als 9-Jähriger, indem ich bei diesem Plischbauer während der Sommerferien tagsüber dessen Kühe hütete. Dafür erhielt ich für zu Hause Schmalz, Brot und Milch, manchmal auch Butter, Mehl und andere Lebensmittel. Zudem musste ich auch zwei, ab1943 dann drei jüngere Geschwister betreuen helfen. Zeit zum Spielen mit anderen Kindern war immer nur kurz oder selten“.

Es folgten noch einige Kindheitsanekdoten, dann trennten wir uns bis zur nächsten Woche.

 

Beim nächsten Besuch setzte er seine Erzählungen fort. Es war schon erstaunlich, woran sich Herr Ferdinand Schäfer alles erinnerte und mir dies mit Eifer und großer Intensität mitteilte:

Zu Weihnachten gab es vom Förster fast in jedem Jahr einen gespickten Rehrücken, welcher dann, über mehrere Tage verteilt, ein Festessen war. Die Bescherung, die meist sehr karg ausfiel, war am ersten Weihnachtstag. Es gab selbstgebasteltes mit Weihnachtsplätzchen, aber auch der Geruch nach getrockneten Apfelringen ist mir heute noch mit diesen Kindheitserinnerungen in der Nase.

Unser Vater führte ein sehr strenges Regie. Abends pfiff er, dann hieß es schnellsten nach Hause kommen. Beim zweiten Pfiff musste man in Sichtweite sein. Nach dem dritten Pfiff, jeweils im Abstand von etwa 5 Minuten, gab es meist 5 bis 10 Schläge mit dem Ledergürtel aufs Hinterteil und dann ab ins Bett - und das ohne Abendessen. Meine Mutter glich diese Strenge oft aus und kam heimlich mit Brot ins Kinderzimmer. Erwähnen möchte ich auch, dass die Eltern bis etwa 1941 in der 3. Person angeredet werden mussten, d. h. sie wurden mit „Sie“ oder „Ihr“ angesprochen“.

 

(Diese Anrede in der 3. Person gilt übrigens noch heute bei vielen uns bekannten russlanddeutschen Familien – Anmerkung R. Thiel)

 

Bei meinen nächsten Besuchen führte ich Ferdinand, mittlerweile waren wir Freunde geworden, behutsam wieder auf seine Kindheitserinnerungen zurück:

Zuhause wurde ich schon als Kind mit vielen verantwortlichen Dingen betraut. Ich war zum Beispiel für das regelmäßige Füttern der Kaninchen zuständig, was mein Vater peinlich genau kontrollierte. Auch das Ausmisten des Ziegenstalles gehörte zu meinen Pflichten. So kam es, dass ich bereits als Kind verantwortungsbewusst erzogen wurde und dies wohl auch war. Mein Pflichtbewusstsein war somit bestimmt auch ausschlaggebend für eine Erbschaft im Alter von 10 Jahren. Von meiner Ururgroßmutter Anna Adametz erbte ich ein großes Restaurant mit Gastwirtschaft, die „Schweizermühle“, beglaubigt auf dem Amtsgericht in Neustadt. Sie lag idyllisch direkt an einem Badesee in Neustadt, dem großen Ort direkt neben Lusdorf, welches später dort eingemeindet wurde. Die Vormundschaft bis zu meiner Volljährigkeit erhielten eine Tante mit ihrem Mann. Die Kriegswirren und die Vertreibung aus dem Sudetenland machten meinen Restaurantbesitzer-Traum aber leider zunichte – mehr dazu aber später“.

 

Der nächste Bericht beschäftigte Ferdinand Schäfer sehr. Diese Zeit war ein wunder Punkt in seinem jungen Leben. Er kämpfte oft mit Tränen und Wut darüber, weil vieles in diesen Jahren durch die große Schuld unseres deutschen Volkes entgleiste:

In der Vorkriegszeit und während des Krieges folgte meine automatische Eingliederung in die Nachwuchsorganisationen der Nazis, zuerst bei den Pimpfen, später bei der HJ (Hitlerjugend). Als großgewachsener Junge wurde ich bereits frühzeitig ausgewählt für eine weitere, höhere „Verwendung“ und wurde schon mit 14 Jahren 1943 zur Ausbildung in Sondergruppen an Waffen, Feld- und Häuserkampf ausgebildet zum Kindersoldaten. Von der begonnenen Lehre als Weber wurde ich im März 1945 von meinem Betrieb, der damals sehr bekannten Weberei Ignaz Klinger aus Neustadt,  für die Ausbildung zur SS-HJ freigestellt. Die Stadt Harrachov, heute bekannt als Wintersportort mit großer Skisprungschanze, wurde damals von den Nazis total geräumt (nach Angaben von Ferdinand Schäfer) und zur Übung für den Häuserkampf genutzt.“

 

Immer wieder machte Ferdinand Schäfer längere Pausen. Es fiel ihm sichtlich schwer darüber zu reden. Hinzu kam, dass sich sein Trauma bis heute fortsetzte, weil es nie richig aufgearbeitet wurde:

Ab März  '45 ging es mit einer Einheit von 900 Jugendlichen zwischen 15 und 17 Jahren auf einen sog. Führerbefehl zu einer gefechtsmäßigen Übung nach Zlin nahe der ungarischen Grenze. Inspiziert und verabschiedet als Kanonenfutter wurden wir von dem damaligen General Guderian, was wir als unwissende HJ-ler als große Ehre empfanden, kaum vorausschauend, dass eventuell der Tod auf uns wartete. Gedrillt wurden wir dort an der Grenze im tiefen Wald und Feld, ausgerüstet nur mit Gashandgranaten, Pistolen und wenigen Gewehren, in drei Kompanien zu je 300 Jungens“.

 

Hier begann Ferdinand Schäfer mit einem sehr detailliertem Bericht, der ihn wohl schon lange bedrückte.

Am 30. April 1945 morgens um 04 Uhr kam der Befehl vom Kommandanten, dass wir uns schnellstens ohne Waffen in Richtung Heimat absetzten sollten, da die russ. Armee schon weit in die Slowakei eingerückt war. Fast alle warfen ihre Waffen weg. Ich behielt meine Pistole jedoch. Es waren über 300 km bis Lusdorf bzw. in die Nähe davon. In kleinen Gruppen schlugen wir uns durch unwegsames Gelände über Feld und Wald Richtung Heimat. Wir mieden größere Orte, versorgten uns jedoch rücksichtslos bei Bauern mit Lebensmittel, da unser Wehrmachtsverpflegung schon bald aufgebraucht war und übernachteten in Scheunen. Bei einem deutschen Versorgungslager mussten wir uns mit Gewalt Vorräte beschaffen. Ich ließ den Vorgesetzten dieses Lagers mit meiner Pistole „tanzen“. Es war das erste Mal, dass ich in Richtung eines Menschen schoss – und hat mich im Nachhinein sehr erschreckt. Aber es ging alles sehr schnell und wir hatten  Erfolg damit, denn wir hatten nun wieder für einige Tage gute Verpflegung. Dass dieses Lager nur noch ein paar Tage halten sollte, an diese Möglichkeit dachten wir kaum, ebenso an etwaige Konsequenzen. Die jahrelange ideologische Beeinflussung durch die Nazis war gegenwärtig, ebenso die rohe Gewalt.“

 

Mit zwei Kameraden war Ferdinand Schäfer dann am 8. Mai nur noch etwa 20 km vor seinem Heimatort. Die Wehrmacht hatte bereits kapituliert, was sie aber nicht wussten. Hier teilten sie sich und schlugen sich alleine zu ihren Heimatorten durch:

Ab hier benutzte ich bekannte und weniger bekannte Wald- und Feldwege. Am 09. Mai morgens gegen 09 Uhr kam ich durch Felder und Gärten zuhause an. Meine Mutter erkannte mich, lief mir entgegen und zog mich eilends ins Haus. Schnell entledigte ich mich der Uniform, der Pistole, des HJ-Ausweises und des Tornisters, warf alles inclusive Hitlers Buch „MeinKampf“ in ein Loch im Garten, ebnete den Boden wieder gründlich ein und legte mich ins Bett. Bereits um 11 Uhr kamen die Russen durchs Dorf, kontrollierten jedes Haus, fanden in mir einen schlafenden „kranken“ Jungen, dem das Herz zum Halse rausschlug und zogen weiter. Ich hatte großes Glück! Viele meiner Kameraden hatten dies nicht, wie ich später erfuhr. Sie starben auf der Flucht oder wurden als Kriegsgefangene nach Russland verschleppt. Andere wiederum fanden in dieser Nachkriegszeit und in russischer Gefangenschaft den Tod.“

 

Jetzt folgte ein weiterer bedeutender Abschnitt im Leben von Ferdinand Schäfer - die Vertreibung aus seiner Heimat, dem Sudentenland:

Ostern 1946 wurden wir, wie die meisten Sudetendeutsche vor und nach uns, von den tschechischen Behörden mit kräftiger Unterstützung vom Militär, Polizei und auch teilweise der Bevölkerung aufgefordert, unsere Heimat unverzüglich zu verlassen. Dies traf auf fast alle Bewohner von Lusdorf zu. Per Traktorgespann wurden wir mit wenig Gepäck ins ehemalige RAD-Lager nahe Neustadt verfrachtet. Wir, das waren meine Mutter, meine beiden jüngeren Brüder, meine kleine 3-jährige Schwester, mein Großvater und ich. Zurück lassen mussten wir unser Haus und Hof, Möbel, die Tiere und alles, was uns lieb und teuer war. Selbst unsere Sparbücher, Schmuck und Geld nahm man uns weg. Aber anders als in manchen Gegenden wurden wir von Gewalt verschont.

Die jahrelange brutale Herrschaft des Nazi-Regimes im sog. „Protektorat“ über das tschechische Volk rächte sich nun mit diesen Maßnahmen an uns und etwa drei Millionen anderen Sudetendeutschen, wobei wir noch viel Glück hatten. Der Lauf der Geschichte hatte uns eingeholt, nichts bleibt anscheinend ungesühnt. Ich bedauere zutiefst die Besatzung und Gewalt, die den Tschechen aufgezwungen wurden.

Tage später ging es weiter unter strenger Bewachung durch Militär. Mit je 30 Familien wurden wir in verdreckte Viehwaggons gezwungen und fanden uns zwei Tage später am Stadtrand des fast völlig zerstörten Dresden in einem Lager wieder.

 

Ein neuer Lebensabschnitt begann. Weiter ging sein Bericht mit viel Bitterkeit in der Stimme:

Wir waren nirgendwo willkommen, denn die meisten hatten kaum für sich genug. Ein paar Wochen später wurden wir einem anderen Lager bei Hagenow in Grenznähe zu Westdeutschland nahe Lübeck zugeteilt. Ich war 17 Jahre alt und suchte mir selbst Gelegenheitsarbeit und fand diese als Dachdecker und in der Landwirtschaft. Wir ärgerten die russischen Besatzer, indem wir im Herbst und Winter die Zuckerrübenwaggons heimlich teilweise entleerten für die hungernden Dorfbewohner. Wer erwischt wurde, bekam Arrest bei Wasser und Brot. Es wurden aber immer neue Wege gefunden, um der Entdeckung zu entgehen. Hungernde Menschen sind sehr erfindungsreich.

Kurze Zeit später erfolgte wieder eine Umsiedlung in ein Lager bei Bischofswerda an der polnisch/tschechischen Grenze. Auch hier blieben wir nicht lange. Wieder mussten wir umziehen in ein (für uns letztes) Lager bei Treuen nahe Johanngeorgenstadt im Erzgebirge, dem Abbaugebiet von Uran, dass völlig in der Kontrolle und Ausbeutung der Russen war. Eine angebotene Anstellung bei der Polizei verweigerte ich, denn ich hatte die Nase gestrichen voll von Uniformen. Dafür wurde ich dann zur Arbeit im Uranbergbau zwangsverpflichtet, wie zehntausende andere DDR Bürger ebenfalls. Später nannte man es die „Wismut AG“, eine russ. Sonderzone. Ohne Schutzanzug unter katastrophalen Arbeits- und Lebensbedingungen usw. war ich acht Monate tätig bei der Findung, Erschließung und im Abbau von uranhaltigem Gestein unter Leitung von sowjetischen Direktoren, Wach- und Lagerpersonal. Peinlichst genau wurden wir bei Schichtende per Geigerzähler kontrolliert, ob wir nicht uranhaltige Erde in der Kleidung mit rausschmuggelten. Oft mussten wir nochmals zum Duschen gehen. Als vorbeugende Maßnahmen gegen radioaktive Verseuchung erhielten wir täglich ausreichend nahrhaftes Essen (weitaus besser, als die Bevölkerung), viel Milch und noch mehr hochprozentigen Wodka, der die Atemwege reinigen sollte. Das Arbeiterlager durften wir nur mit Sondergenehmigung verlassen“.

Mit einem Anflug von Sarkasmus, gepaart mit Humor, erzählt Franz vom Tod seines Großvaters. „Er hatte sich der verbotenen aber einträglichen Schnapsbrennerei zugewandt. An einem Abend hatte er aber wohl zu lange der Schnapsprobe beigewohnt, denn zu Hause verwechselte er die Toilettentür mit der Kellertür und stürzte dort auf der Treppe nach unten zu Tode, was eine intensive polizeiliche Untersuchung nach sich zog“.

 

Das Leben und seine Umstände normalisierten sich:

Mein Vater kam nach einigen militärischen Ausbildungen Anfang 1943 nach Flensburg zur Marine und überstand den Krieg nahezu unbeschadet, blieb mit viel Glück aber im Westen, weil er nicht auch noch von den Russen „kassiert“ werden wollte.

1949 hatte Vater es von Westdeutschland aus irgendwie geschafft, dass wir ausreisen durften. Wiederum mittellos kamen wir diesmal in Opladen an. Hier in Westdeutschland war die Lebens-situation erheblich einfacher und besser. Es wurden zwar anstrengende Jahre, aber es ging stetig aufwärts und die Arbeit lohnte sich. 1955 fand ich einen guten und festen Job in einer großen Firma und somit auch ein relativ gutes Einkommen. Ich habe mich sofort gut integriert, fand Freunde, reiste mit ihnen zu Fußballspielen der Nationalmannschaft, wurde allgemein anerkannt und war Mitglied in einigen Vereinen. Besonders engagiert habe ich mich im Karnevalverein „Wupperveilchen“, in dem ich Ehrenmitglied bin und zu dem ich immer noch Kontakt halte.

1965 und 1975 war ich nochmals in der alten Heimat, beide Male mit unserer Mutter. Unser Elternhaus war inzwischen dem Erdboden gleich gemacht worden, ebenso das Restaurant „Schweizermühle“ in Neustadt, aber es schmerzte mich nicht mehr. Eine neue Heimat hatte ich in Opladen gefunden. Seit 1991 bin ich in Rente. Einen Schrebergarten nannte ich mein Eigentum und verbrachte viele gute Jahre im ständigen Kontakt zu Freunden, Kollegen und auch zu meiner Schwester, die in der Nähe wohnte. Seit 2007 bin ich nach einer Hüftoperation in einem Seniorenheim im Westerwald, fühle mich wohl und werde gut betreut. Hoffentlich sind mir noch ein paar Jährchen bei guter Gesundheit vergönnt“. 

 

Schlusssatz:

Der Lebenswille von Herr Ferdinand Schäfer und sein Optimismus sind ansteckend und beispielhaft für manchen griesgrämigen Senior und pessimistischen Junior. Ein Leben voller Abwechslung, Gefahren, guten und weniger guten Tagen liegt hinter ihm, aber seine positive Einstellung hat er sich bewahrt.

 

Ich danke meinem Freund Ferdinand Schäfer für seinen Bericht, der nicht nur ihm sondern auch mir gut getan hat.

 Rainer Thiel

 

 

 

 

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